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„Man hat uns vergessen“ - Isolation in Pflegeeinrichtungen

Beiträge der BAGSO und von Dr. Martin Theisohn · 05.05.2020

Foto: Sabine van Erp / Pixabay

Foto: Sabine van Erp / Pixabay

„Die Zeit drängt. Viele Menschen in Pflegeeinrichtungen leiden massiv unter der erzwungenen Einsamkeit“, sagt der BAGSO-Vorsitzende Franz Müntefering.

Die seit sechs Wochen geltenden Besuchs- und Ausgehverbote sind mit Abstand der schwerste Eingriff in die Grundrechte in der aktuellen Corona-Situation. Die verzweifelte Lage der Betroffenen fasst ein 92-Jähriger in die Worte: „Man hat uns vergessen.“

Die BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen appellieren daher dringend an Bund und Länder, ihren Beschluss vom 15. April 2020 so schnell wie möglich umzusetzen und die soziale Isolation von Menschen in Pflegeeinrichtungen zu beenden.

In einer Stellungnahme, die auch den verantwortlichen Politikerinnen und Politikern übermittelt wurde, benennt die BAGSO die zehn dringendsten Maßnahmen. So muss ein gewisses Maß an persönlichen Kontakten nicht nur zu den Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern, sondern auch zu den nächsten Angehörigen gewährleistet werden. In der Phase des Sterbens muss eine Begleitung durch Angehörige in allen Pflegeeinrichtungen möglich sein.

Stellungsnahme des Seniorenvertreters Dr. Martin Theisohn zu den Grundrechte-einschränkenden Maßnahmen in Pflegeeinrichtungen


Dr. Martin Theisohn. Foto: Ikhlas Abbis

Die Seniorenvertretung der Stadt Köln hat bisher alle Maßnahmen des Bundes, des Landes und der Stadt mitgetragen, soweit sie der Hemmung der Ausbreitung der Infektion mit dem Sars-Co2-Virus dienten. Wir wissen und erkennen an, dass dies besonders der älteren Generation zu Gute kommt, die im Falle einer Erkrankung einem besonderen und häufig tödlichen Risiko ausgesetzt wäre.

Wir sind deshalb auch für die vielfältigen Unterstützungsangebote mit Übernahme des Einkaufs und anderer Notwendigkeiten dankbar.

Die Seniorenvertretung hat auch Verständnis dafür, dass die Besuche in den Pflegeeinrichtungen eingeschränkt und reglementiert wurden. Aber aus zahlreichen Berichten wissen wir, dass diese Einschränkungen sowohl für die Bewohner – insbesondere wenn eine Demenz vorliegt – als auch für die Angehörigen eine besondere Härte bedeuten, die nicht länger unverändert fortgesetzt werden sollten.

Durch eine Umfrage bei den Heimträgern und den Pflegeeinrichtungen haben wir gelernt, dass die von Bund und Land angeordneten Maßnahmen auch bei den Pflegeeinrichtungen zu erheblichen Schwierigkeiten führten und auch dort die Kontakt einschränkenden Maßnahmen problematisiert und jede Möglichkeit der Aufrechterhaltung des Kontaktes zwischen den Bewohnern und deren Angehörigen mit Telefon und Internet oder durch Begegnung am Gartenzaun unterstützt wird.

Zu unserem Bedauern gehen einige Pflegeeinrichtungen aber über die verordneten Maßnahmen hinaus und schränken auch den Besuch von medizinischen Personal (Physiotherapeuten, Ergotherapeuten etc.) ein und verwehren sogar die Weitergabe von Wäsche und Geschenken an die Bewohner. Nicht selten werden die Bewohner angewiesen auf ihren Zimmern zu bleiben und dort auch ihre Mahlzeiten einzunehmen.Diese Maßnahmen gehen dann über die von den jeweiligen übergeordneten Trägern berichteten Aktivitäten hinaus und sind Maßnahmen der jeweiligen Einrichtungsleitung.

Dr. Martin Theisohn stellt sich deshalb hinter die Forderungen der Bagso vom 27.4.20 und fordert:

1. Die Grundrechts-einschränkenden Maßnahmen in den Pflegeeinrichtungen müssen vermindert werden. Es muss ermöglicht werden, dass unter den notwendigen hygienischen Vorsichtsmaßnahmen die engen Bezugspersonen wieder ihre Angehörigen in den Pflegeeinrichtungen besuchen können. Um das Risiko weiter zu vermindern sollten diese Bezugspersonen auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 vorher getestet werden.

2. Die Einrichtungsleitungen dürfen bei der Ausübung ihres Direktionsrechtes nicht über die von Bund und Land gesetzten Grenzen hinaus gehen.

3. Die Maßnahmen müssen in der Stadt Köln abgestimmt und einheitlich durchgeführt werden.

4. Alle Maßnahmen müssen enge zeitliche Befristungen haben, damit sie jeweils kurzfristig auf ihre Verhältnismäßigkeit überprüft werden können.

Dr. Martin Theisohn

Köln, den 01.05.2020

 

Die Seniorenvertretung Köln

Die Seniorenvertretung der Stadt Köln vertritt die Interessen der älteren Generation gegenüber Politik und Verwaltung. Sie berät in allen seniorenrelevanten Angelegenheiten und unterstützt persönliche Anliegen mit Rat und Tat. Sie stellt Kontakte her zu den zuständigen Stellen der Stadt- und Bezirksverwaltung, zu den Wohlfahrtsverbänden und zu allen anderen Organisationen und Einrichtungen.

Webseite der SVK

 

Über die BAGSO

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen vertritt über ihre 120 Mitgliedsorganisationen viele Millionen ältere Menschen in Deutschland. Mit ihren Publikationen und Veranstaltungen – dazu gehören auch die alle drei Jahre stattfindenden Deutschen Seniorentage – wirbt die BAGSO für ein möglichst gesundes, aktives und engagiertes Älterwerden.

Mehr Informationen finden SIe auf der Webseite der BAGSO.

Hier können Sie die Allgemeinverfügung der Stadt Köln vom 14.03.2020 nachlesen: ,,Besuchseinschränkungen für vollstationäre Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen der Eingliederungshilfe"

 

Tags: BAGSO , Pflege in Köln , Seniorenvertretung

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