Raus aus Köln

Wie aus Herrn Winter der Weihnachtsmann wurde

Silke Wünsch-KölnerLeben Ausgabe 6/2017 · 04.12.2017

Foto: Deutsche Welle

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Rothenburg ob der Tauber ist Deutschlands Weihnachtshauptstadt. Man kann hier nicht nur das ganze Jahr über Weihnachtsartikel kaufen, sondern auch das einzige Weihnachtsmuseum der Welt besuchen. Und dort erfährt man die Wahrheit über den Weihnachtsmann.

Am westlichen Rand von Bayern, zwischen Würzburg und Nürnberg, liegt Rothenburg ob der Tauber. Elftausend Menschen leben in der kleinen Stadt, die zu den am besten erhaltenen mittelalterlichen Städten Deutschlands gehört und jährlich über zwei Millionen Besucher anlockt. Sie kommen vor allem in der Weihnachtszeit in die festlich geschmückte Stadt. Neben dem Weihnachtmarkt mit dem Namen „Reiterlesmarkt“, der Glühwein und zahlreiche fränkische Leckereien bietet, gibt es jede Menge Geschäfte mit Weihnachtszubehör. Eines davon ist sogar das ganze Jahr über offen und weltberühmt. „Käthe Wohlfahrt“: Für Kenner und Liebhaber deutschen Weihnachtsschmucks ist dieser Shop ein wahres Mekka. Und das Eingangstor zum Weihnachtsmuseum.
Betritt man den Laden, taucht man zunächst in eine glitzernde Märchenwelt ein. Im „Weihnachtsdorf“ stehen schneebedeckte Fachwerkhäuser um einen fünf Meter hohen Weihnachtsbaum – unter einem Himmel aus Lichtern und Tannenzweigen. Dort findet der passionierte Weihnachtsfan einfach alles: Wachsengel, Holzpüppchen, Weihnachtspyramiden, Christbaumschmuck in allen Formen und Farben, Räuchermännchen, Krippen. Wer dann die kleine Treppe ins Weihnachtsmuseum hochgeht, erfährt etwas über die Ursprünge all der Weihnachtsbräuche und Weihnachtsdekorationen.

Bäume, die von der Decke hängen

Man lernt, dass der Brauch, sich einen geschmückten Tannenbaum ins Zimmer zu stellen, gerade mal vierhundert Jahre alt ist. In Bauernfamilien, die keine große Stube hatten, befestigte man kleine Weihnachtsbäume an der Decke und hängte Gebäck und Obst daran. „Das war unter Umständen nicht ganz ungefährlich“, erzählt Felicitas Höptner, „nur ein Baum pro Familie war erlaubt. Und wenn man einen im Wald schlug und nur die Spitze mitnahm, gab es gewaltige Geldstrafen und zum Teil sogar Arrest über Weihnachten, wenn man erwischt worden war.“ Höptner ist nicht nur die Leiterin des Weihnachtsmuseums, sie ist auch so etwas wie seine Seele. Zu jedem Stück in den Vitrinen und Räumen kann sie Geschichten erzählen.

Warum der Weihnachtsmann nicht von Coca-Cola kommt

Neben Adventskalender- und Krippenhistorie ist ein ganzer Raum einer grimmigen Gestalt gewidmet, die nur wenig mit dem gemütlichen Rauschebart-Opa auf dem Rentierschlitten gemeinsam hat: dem Weihnachtsmann. Höptner deutet auf eine Zeichnung und erzählt, dass man lange nach einer Figur gesucht hatte, die im Gegensatz zum heiligen Nikolaus losgelöst sein sollte vom christlichen Glauben. Der Maler Moritz von Schwind hatte 1848 in einer damals sehr populären Zeitung, dem „Münchener Bilderbogen“, unter dem Titel „Herr Winter“ eine Bildergeschichte gezeichnet. Und da tauchte dieser Kerl mit Rauschebart im langen Kapuzenmantel zum ersten Mal auf. In der Hand hält er einen kleinen Tannenbaum mit brennenden Kerzen.
Diese Figur gilt heute als Prototyp des Weihnachtsmannes. Coca-Cola erkor ihn erst 1931 zum Werbeträger und machte aus „Santa Claus“ den freundlichen, properen Mann in roter Jacke mit breitem Gürtel.

Mannshohe Schnitzkunstwerke

Und schließlich zeigt das Museum noch die Prachtstücke seiner Sammlung: mannshohe Weihnachtspyramiden, teils mehr als zweihundert Jahre alt, aus Holz geschnitzt und liebevoll restauriert. Sie stammen aus dem Erzgebirge, dem Herz der deutschen Weihnachtsschmuckindustrie. Früher haben die Bergleute nach Feierabend an den mehrstöckigen Türmen geschnitzt. Dankbare Abnehmer hatten sie in den Gegenden, wo es schwer war, einen Weihnachtsbaum zu bekommen, dort ersetzte die Pyramide ihn.
Nach dem Museumsbesuch geht man mit anderen Augen durch den Weihnachtstrubel, zurück in die schmucken Gassen und zu den leuchtenden Buden des Reiterlesmarkts. Ohne ein hübsches Stück fürs Weihnachtszimmer kehrt keiner von Rothenburg nach Hause zurück.


Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Welle

Informationen

Rothenburg Tourismus Service
Marktplatz 2
91541 Rothenburg ob der Tauber
Tel. 09861 / 404-800

Reiterlesmarkt
30.11.–23.12.2017
Mo–Do 11–19 Uhr, Fr–So 11–20 Uhr

Deutsches Weihnachtsmuseum
1. April bis 23. Dezember: täglich 10–17 Uhr,
21. Januar bis 31. März: täglich 10–15.30 Uhr
Herrngasse 1, 91541 Rothenburg ob der Tauber
Tel. 09861 / 40 93 65

Foto: Rothenburg Tourismus Service 

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