Leben in Köln

Kölner Pflegereport

Karin Bünnagel-KölnerLeben Ausgabe 4/2017 · 28.08.2017

Hauptsache daheim. Der Wunsch vieler Menschen ist es, so lange wie möglich zu Hause bleiben zu können. Foto: Bettina Bormann

Hauptsache daheim. Der Wunsch vieler Menschen ist es, so lange wie möglich zu Hause bleiben zu können. Foto: Bettina Bormann

KölnerLeben wirft einen Blick auf die Pflegesituation in Köln. Wie sind die Bedarfe, wie ist das Angebot? Und wo findet man als Betroffener Beratung?

Es kann ganz schnell gehen. Ein Sturz oder Schlaganfall kann dazu führen, dass man pflegebedürftig wird. Was tun? Plötzlich steht man selbst und die Angehörigen vor vielen Fragen. Wo wird gepflegt, zu Hause oder im Heim? Sind die Bedingungen zu Hause pflegegerecht? Wer übernimmt die Pflege? Welche Hilfen gibt es? Wie teuer wird die Pflege? Ist ein Antrag bei der Pflegeversicherung erfolgversprechend? Wie sieht zukünftig der Pflegealltag aus? In vielen anderen Fällen lässt sich die Pflege vorausschauender planen, etwa wenn eine Krankheit erst allmählich zur Verschlechterung des Zustandes führt. Dann kann man die Antworten ohne drängende Eile finden.

In allen Fällen raten Pflegeexperten, sich umfassend zu informieren, am besten schon frühzeitig. Den Betroffenen steht in Köln ein dichtes Netz von Informations- und Beratungsangeboten zur Verfügung. Dazu zählen die Seniorenberater in jedem der neun Stadtbezirke, die Wohlfahrtsverbände, die Pflegekassen und die Sozial-Betriebe-Köln (SBK). Tritt die Pflegebedürftigkeit nach einem Krankenhausaufenthalt ein, vermitteln die dortigen Sozialarbeiter erste Hilfen. Die Stadt Köln hat ein Zentrales Beratungstelefon für Senioren und Menschen mit Behinderung eingerichtet, bei dem die Adressen aller Beratungsstellen ebenso wie die der Einrichtungen der Altenhilfe abgerufen werden können. Auf der Internetseite der Stadt wird diese Dienstleistung auch digital angeboten.

So lange wie möglich ein gutes Leben zu Hause

„Die meisten Älteren oder Pflegebedürftigen äußern den Wunsch nach Hilfen in den eigenen vier Wänden“, fasst Stephan Santelmann seine Erfahrungen zusammen, die er in 15-jähriger Tätigkeit als Leiter des Amtes für Soziales und Senioren der Stadt Köln gesammelt hat. „Also schaffen wir die erforderlichen Voraussetzungen dafür, dass sie in ihrem angestammten Lebensumfeld bleiben können.“ Darunter versteht er einen pflegerischen Versorgungsmix aus unterstützenden Angehörigen und Nachbarn, professioneller Pflegehilfe und hauswirtschaftlichen Dienstleistungen. Auch präventive Hausbesuche, Seniorennetzwerke und die offene Seniorenarbeit zählt er dazu. Denn ihm ist wichtig, dass sich der Pflegebedürftige weiterhin als wertvoller und in soziale Beziehungen eingebundener Mensch empfindet. „Die Stadt entwickelt ihre Seniorenhilfen strikt nach dem Grundsatz: ambulant vor stationär. In Zukunft muss dabei der Blick noch stärker auf das Wohnquartier, das Veedel, gelegt werden, denn ein gutes Leben im Alter ist von den Strukturen und Möglichkeiten des Stadtteils abhängig“, erläutert er zusammenfassend.

Die Pflege in gewohnter Umgebung ist dann auch für den Großteil der Betroffenen die gelebte erste Wahl. Das beweist die amtliche Pflegestatistik der Stadt Köln mit Stand Ende 2015, die alle zwei Jahre veröffentlicht wird. Von den insgesamt 30.060 erfassten Pflegebedürftigen leben nur 24 Prozent dauerhaft in einem Pflegeheim – 76 Prozent werden zu Hause gepflegt. Zum Vergleich: 2005 zählte die Statistik lediglich 20.000 Pflegebedürftige, von denen aber 34 Prozent in einer vollstationären Dauerpflege lebten. Hier ist eine klare Tendenz erkennbar: Die pflegerische Versorgung in vollstationären Einrichtungen kommt meistens dann infrage, wenn es nicht mehr anders geht.

Mehr Hilfen für mehr Menschen

Die Zunahme der Gesamtzahl der Pflegebedürftigen um ein Drittel seit 2005 ist einerseits der demografischen Entwicklung geschuldet. So hat sich insbesondere die Anzahl der über 75-Jährigen von 73.000 auf 89.000 erhöht. Andererseits wurde die 1995 eingeführte Pflegeversicherung in regelmäßigen Abständen reformiert. Dadurch hat sich der Kreis der Anspruchsberechtigten stetig erweitert.

Pflegebedürftige in Köln

Mit den Pflegestärkungsgesetzen I bis III sind aktuell die Weichen für die zukünftige Entwicklung der Pflege gestellt. Ihr liegt eine neue Definition der Pflegebedürftigkeit zugrunde. Die Basis für die Berechnung bildet nun der Grad der Selbstständigkeit, mit dem bestimmte alltägliche Aufgaben gemeistert werden: Kann sich der Pflegebedürftige selbstständig ankleiden? Kann er sich innerhalb des Wohnbereichs selbst fortbewegen? Wie sieht es mit der zeitlichen und räumlichen Orientierung aus?

Entwicklung der Anzahl der Pflegebedürftigen

Die Pflegestufen 0 bis 3 gibt es nicht mehr, stattdessen gelten die Pflegegrade 1 bis 5. Der Pflegegrad 1 ist komplett neu, und somit beziehen seit Jahresbeginn 2017 mehr Menschen Leistungen aus der Pflegeversicherung, als es vorher der Fall war. In diesen Pflegegrad sind 1.616 Versicherte erstmalig eingestuft. Er kann bereits dann in Anspruch genommen werden, wenn eine „geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit“ besteht. Beispielsweise wenn eine Einkaufs- oder Haushaltshilfe benötigt oder eine Betreuungsgruppe für Demenzerkrankte in Anspruch genommen wird. Die Pflegekasse leistet dafür einen monatlichen Entlastungsbeitrag in Höhe von 125 Euro.

Der größte Pflegedienst: die Angehörigen

Fast 23.000 Menschen werden in Köln zu Hause gepflegt, nur 30 Prozent von ihnen (6.700) nehmen Unterstützung durch einen der 141 ambulanten Pflegedienste in Anspruch. Den Großteil der Betreuung und Pflege leisten somit die Angehörigen. Oft wird am Anfang die Belastung unterschätzt. Jemanden zu pflegen bedarf sowohl körperlicher als auch seelischer Kraft. Je nach Entwicklung wird die Pflege umfangreicher und komplexer. Und auch zeitaufwendiger, so dass das eigene Leben bisweilen zu kurz kommt. Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) hat in ihrem Pflegereport 2015 die Situation pflegender Angehöriger untersucht. 90 Prozent von ihnen sind Frauen, ein Drittel davon berufstätig. „Unsere Daten bestätigen, dass häusliche Pflege noch immer überwiegend Frauensache ist“, sagt Milorad Pajovic, Leiter der DAK-Pflegekasse. Dabei hat der Gesetzgeber Möglichkeiten geschaffen, die Vereinbarkeit von Pflege, Beruf und Familie zu erleichtern. So haben berufstätige Angehörige das Recht auf Freistellung. Es gibt ein Recht auf kurzfristige Freistellung von bis zu zehn Arbeitstagen oder der Angehörige beantragt eine längere, bis zu sechs Monate dauernde Pflegezeit. Ein anderes Modell, die Familienpflegezeit, sieht vor, dass Angehörige maximal 24 Monate die reguläre Arbeitszeit auf 15 Stunden pro Woche reduzieren können. Auch die Begleitung in der letzten Lebensphase ist gesetzlich geregelt: Angehörige können sich maximal drei Monate von der Arbeit freistellen lassen, um dem Sterbenden zur Seite zu stehen.

Aber nicht nur gesetzliche, sondern auch praktische Unterstützung im Alltag vor Ort ist nötig: Die Kliniken der Stadt Köln, aber auch Wohlfahrtsverbände und Krankenkassen bieten zahlreiche kostenlose Pflegekurse für die Angehörigen an. Neben den Grundkenntnissen gewinnen die Teilnehmer hier Sicherheit im Umgang mit der häuslichen Pflegesituation. Darüber hinaus – und das ist nicht unwesentlich – können sie sich mit anderen Menschen austauschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie sie.

Tags: Beratung , Pflege

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