Ratgeber

Fahreignung grenzenlos?

David Korsten-KölnerLeben Ausgabe 5/2016 · 29.03.2017

iStockPhoto.com, Foto: Willowpix

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Mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs sein – das bereitet Freude und ermöglicht ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben. Aber währt die Fahrtauglichkeit ein Leben lang?

Ein regnerischer Vormittag im Kölner Nordwesten. Lkw brausen über die Landstraße, vorbei am Industriegebiet in Pesch. Andere sind mit dem Pkw unterwegs: Handwerker auf dem Weg zum nächsten Kunden, Taxi- und Busfahrer bringen ihre Fahrgäste ans Ziel, andere erledigen ihre Einkäufe. Auch Carola Maschke, 85, sitzt heute Vormittag hinter dem Steuer ihres silberfarbenen Golf Variant. Sie sei etwas nervös, sagt sie. Vor ihr liegt keine gewöhnliche Autofahrt: Sie ist verabredet mit Theo Ibscher, seit 1970 Fahrlehrer in Köln-Esch. Ibscher nimmt jetzt neben ihr auf dem Beifahrersitz Platz. Auf dem Zettel in seiner Hand wird er sich während der nächsten Dreiviertelstunde notieren, wie die Seniorin, sich im Straßenverkehr bewegt, wie sie in bestimmten Situationen reagiert.

„Ganz ruhig, Frau Maschke“, sagt der erfahrene Mann zu Beginn, „das ist schließlich keine Führerscheinprüfung.“ „So fühlt es sich aber an“, entgegnet sie. Frau Maschke hat sich freiwillig zum Fahrfitness-Check gemeldet. Vor fünf Jahren ist sie schon einmal mit Herrn Ibscher gefahren, seine Rückmeldung damals: alles bestens. „Heute vor genau 56 Jahren und zwei Tagen habe ich meinen Führerschein gemacht“, erzählt Frau Maschke. Jetzt wolle sie einmal schauen, ob sie noch fit ist für kürzere und längere Strecken. „Ich will ja schließlich 100 werden – und so lange möchte ich auch noch Auto fahren.“

Fahrbare Freiheit

So wie Frau Maschke geht es vielen Menschen: In jungen Jahren fiebern sie dem Führerschein entgegen, und auch im Alter hat das eigene Auto einen hohen Stellenwert. Es ist manchmal noch ein Statussymbol, steht aber vor allem für Mobilität, Selbstbestimmtheit und individuelle Freiheit. Umfragen ergaben zudem, dass ältere Menschen nicht nur Spaß am Fahren haben, sondern im Alltag sehr häufig auch vom Pkw abhängig sind. „Umso schmerzlicher ist es, wenn man merkt, dass es mit dem Fahren nicht mehr so gut klappt“, sagt Dr. Rainer Schwickert, Facharzt für Allgemein- und Arbeitsmedizin mit Schwerpunkt Verkehrsmedizin. „Es ist ein ganz natürlicher Prozess, dass ältere Menschen schlechter hören und sehen als jüngere.“

Verkehrsmedizinische Tests, wie Dr. Schwickert sie vornimmt, sind bislang nur Pflicht für Menschen, die beruflich mit dem Auto fahren und andere Personen befördern – also Lkw-, Bus-, Taxi- und Mietwagenfahrer. Ob auch Privatleute sich ab einem bestimmten Alter auf Fahrtüchtigkeit untersuchen lassen sollen, wird – Stichwort „Senioren-TÜV“ – immer wieder in der Öffentlichkeit diskutiert. Bei älteren Autofahrern sind es oft die Ehepartner, Kinder und Enkelkinder, die auf den Arztbesuch drängen. „Grundsätzlich stehen verschiedene psychometrische Testverfahren zur Verfügung, etwa der Wiener Test oder der Corporal Plus Test“, erklärt Verkehrsmediziner Schwickert. Damit wird unter anderem überprüft, wie es um Orientierung, Konzentrationsfähigkeit, Belastbarkeit und Reaktionsfähigkeit bestellt ist.

Hauptunfallursache Mensch

Auch Frau Maschke steht nun ein kleiner Test bevor. „Wenn ich gleich in die Hände klatsche“, sagt Fahrlehrer Ibscher beim Einbiegen in eine ruhige Seitenstraße, „steigen Sie bitte einmal in die Eisen – Vollbremsung“. Er klatscht. Frau Maschke reagiert etwas zögerlich, tritt recht zaghaft auf das Bremspedal. „Das machen wir gleich nochmal“, sagt Ibscher. Diesmal klappt es schon besser, der Wagen bleibt abrupt stehen. „Aber im Straßenverkehr gibt es nur eine Chance“, mahnt er. Unfälle geschehen in Bruchteilen von Sekunden.

Deswegen bietet der ADAC spezielle Fahrsicherheitstrainings für Über-60-Jährige an. Diese laufen im Prinzip genauso ab wie bei jüngeren Fahrern. Allein der Zeitdruck ist geringer, wenn die Teilnehmer im Slalomparcours bestimmte Lenk- und Blicktechniken trainieren oder wenn sie ausprobieren, wie der Wagen sich beim Bremsen auf unterschiedlichen Straßenbelägen verhält. „Es geht auch darum, sich mit neueren Fahrzeugtechniken wie ABS oder ESP auseinanderzusetzen – und sich einmal an die technischen Grenzen heranzufahren“, sagt Dr. Roman Suthold, Verkehrsexperte beim ADAC.
Technisches Versagen ist nur in den wenigsten Fällen der Grund für einen Unfall. „Die Hauptunfallursache ist der Mensch“, sagt Fahrlehrer Ibscher. Besonders wichtig sei es daher, dass sich Autofahrer in jedem Alter in puncto Verkehrsregeln auf dem neuesten Stand hielten. Frau Maschke ist nun auf der Schnellstraße in Richtung Chorweiler unterwegs – auf der linken Spur. „Wir wollen weiter geradeaus fahren“, gibt Ibscher ihr einen Tipp. Aber Frau Maschke bleibt links, an das Rechtsfahrgebot denkt sie in diesem Moment nicht. Auch über ein Stoppschild rollt sie hinweg, biegt ab, fast ohne abzubremsen.

Tags: Mobilität , Sicherheit

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